Freitag, 29. November 2013

Zeit

DASS FÜR DIE ZEIT EIN WORT EXISTIERT, 

HEISST NICHT, DASS ES SIE GIBT. (S.9) 

 

Paradoxerweise habe ich in der Zeit, die die besinnlichste des Jahres sein soll - dem ungeheuren Anspruch nach - am wenigsten Zeit.

Stimmt das? Wenn ich so darüber nachdenke, habe ich nicht mehr und nicht weniger Zeit als sonst. Aber gefühlt habe ich weniger Zeit. Kommt das durch den Anspruch, dass es eine ruhige Zeit sein sollte? Ist es notwendig, diesen Anspruch einfach fallen zu lassen?

Dagegen spricht, dass ich in der kalten Jahreszeit das Bedürfnis deutlich spüre nach Rückzug, nach Besinnung und Ruhe. Es ist eher so, dass mir in der Adventszeit die mangelnde Erfüllung dieses Bedürfnisses stärker zu Bewußtsein kommt. Und solange ich diesem Bedürfnis nachspüre, ist der Ruf nach Besinnlichkeit für mich keine zusätzliche Belastung, sondern öffnet Möglichkeiten.

Wenn ich allerdings mich dem Druck aussetze, dass diese Zeit unbedingt besinnlich sein muss, dann kommt der Streß. Und um so mehr, je mehr Aufwand ich mit der Gestaltung dieser ach so besinnlichen Zeit treibe. Ein Adventskranz muss her und ein Adventkalender. Es soll stimmungsvoll dekoriert sein und Weihnachtskarten müssen verschickt werden und Plätzchen gebacken und Lichterketten aufgehängt ... Ist das "Zur-Besinnung-kommen" so ungewohnt und so beängstigend, dass ich alles unternehme, um dem aus dem Weg zu gehen?
Über all diesen geschäftigen Vorbereitungen der Besinnlichkeit könnte ich glatt vergessen, was mir eigentlich wirklich wichtig ist: Mich mal hinsetzen und mich über mein eigenes Dasein freuen zu dürfen. Die Dankbarkeit fühlen zu können dafür, dass ein Feuer im Ofen mich wärmt, während draußen die Kälte klirrt. Einen Spaziergang machen durch die Nebelluft oder im Schnee.
Mit jemandem zusammen einen Tee trinken (auch an undekorierten Tischen und notfalls ohne Plätzchen ;-)) und das Beisammensein geniessen.

Schön ist Beisammensein. Die Haut friert nicht. Alles ist leise und gut. Das Herz schlägt ruhig.
Kurt Tucholsky 

Zu diesen Überlegungen passt ein Buch wunderbar, das ich in der tollen Bibliothek hier am Ort gefunden habe: 
"Enthetzt Euch! Weniger Tempo - mehr Zeit" von Karlheinz A. Geißler

Schon das Vorwort ist köstlich:

"FÜR DIE ZEIT HAT MAN NIE GENUG ZEIT: Und das ist der Grund, wehalb auch Zeitforscher keine Zeit haben - aber dafür, dass das so ist, haben sie zumindest ganz gute Erklärungen. [...] so auch sind diejenigen nicht in der Lage, die Zeit in Ihrer Fülle zu leben und zu geniessen, die sich ohne Unterlass mit ihr beschäftigen und sich stets nur Gedanken über sie machen. Die Fragen, die man an die Zeit hat, muss man leben."  

Kurzer Exkurs zum Gedanken, dass das Denken auch des Loslassens vom bloßen Denken bedarf:
Da fällt mir in puncto Erziehung ein Spruch von Jean Paul ein:


"Kinder und Uhren dürfen nicht beständig aufgezogen werden, 
man muß sie auch gehen lassen"

Statt das Leben ständig mit der Lupe zu beobachten, ist es gut, mit vollem Herzen zu leben und in Beziehung zu treten zu sich selbst, zu den Kindern und allem, was sich so bietet.

Zurück zur Zeit und dem Gefühl, dass ich die Zeit effektiv nutzen muss und mich nicht dabei erwischen lassen sollte, dass ich Zeit "nutzlos" vertue. Das Buch gibt da den Tipp:

LASSEN SIE IHRE ZEIT
NICHT UNBEAUSICHTIGT 
HERUMSTEHEN:
MELDEN SIE DEM SICHERHEITSPERSONAL
UMGEHEND HERRENLOS
HERUMSTEHENDE ZEIT.  
(S. 41)

Ein weiterer Beweis dafür, dass Kinder noch die Zeit und den Mut dazu haben, sich philosophische Gedanken zu machen, ist die Aussage eines 11-jähringe Jungen namens Tim:

"Die Zeit kann nicht wegrennen, denn die Zeit kann nicht sagen, ich habe keine Zeit mehr."
 (S. 105)
Zum einen löst das bei mir im Kopf die mir schon vertrauten Verknotungen aus, wenn ich darüber nachdenke, dass die Zeit eigentlich immer Zeit hat und was denn eigentlich Zeit ist, wenn sie niemand hat ... 
Zum anderen zeigt die Überlegung des Jungen, dass sich hinter der Aussage "Ich habe keine Zeit mehr" eine Entscheidung verbirgt. Derjenige setzt seine Prioritäten so, dass für bestimmte Dinge Zeit ist und für andere eben nicht. Deshalb lohnt es sich, wenn ich ab und zu einmal innehalte und mich frage: "Wofür habe ich Zeit und wofür nicht?" "Stimmt das überein mit dem, was mir wichtig ist?"

  „Obwohl zum Innehalten die Zeit nicht ist,
                    wird einmal keine Zeit mehr sein,
                    wenn man jetzt nicht innehält.“

                                                                       Christa Wolf

Das Buch "Enthetzt Euch!" ist mit einer Widmung versehen, die lautet:

Für Lou (6 Jahre), der es gelungen ist, das Rätsel der Zeit zu lösen:

 Die Leute suchen die Zeit
aber sie finden sie nicht,
weil sie im Kopf ist - 
gleich neben den Träumen. 




Ich lade Euch ein, mit mir und miteinander Eure Gedanken zur Zeit zu teilen!


In diesem Post habe ich zitiert aus:
Karlheinz A. Geißler: Enthetzt Euch! Weniger Tempo - mehr Zeit.  Hirzel Verlag, Stuttgart, 2013.
   

1 Kommentar:

  1. Dein Post kommt zur rechten Zeit und ich bin froh, dass ich mir die Zeit zum Lesen genommen habe (und ich werde bestimmt nochmal darin nachlesen). Weniger machen, mehr sein. Danke für diesen Anstoß. Liebe Grüße, Katja

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