Samstag, 25. Mai 2013

Buchvorstellung: Aggression (Jesper Juul)

Ja, ich bin bekennender Jesper Juul Fan! 
Das ist mir ein bisschen peinlich, weil das ja im Augenblick dem mainstream zu entsprechen scheint und dadurch auch irgendwie verdächtig ist, oder? 
Ich würde schon mal gerne darüber nachdenken, warum sich jemand so großer Beliebtheit erfreut, der nun aber für wirklich jeden unbequeme Wahrheiten bereit hält: 
für die Politiker, für die Lehrer, für die Eltern und die Kinder!?

Nehme ich Jesper Juul nämlich ernst, dann bedeutet das ein radikales Umdenken und Umleben. Würden ihn ganz viele Menschen ernst nehmen, dann würde dies eine gesellschaftliche Umwälzung nach sich ziehen. 
Das wäre toll, wenn tatsächlich (seelische) Gesundheit das Ziel wäre und nicht Höchstleistung und Erfolg! Es wäre traumhaft, wenn derjenige, der zu seiner Begrenztheit und damit zu seinen "Schwächen" steht, ein Vorbild wäre und nicht der kontrollierte (scheinbar) souveräne Alleskönner und Perfektionist.
Es geht hier - im Umgang mit sich selbst und miteinander, ebenso wie im Umgang mit der äußeren Natur und den Lebensbedingungen - um Nachhaltigkeit (gegenüber dem schnellen Egoboost,  dem schnellen Erfolgskick und dem schnellen Euro etc.).

Ich habe angefangen, Jesper Juuls Buch über Aggression und deren Diskriminierung zu lesen und möchte hier ein paar Stellen bis zur Buchmitte vorstellen, die ich wichtig finde:

Die aggressive Haltung eines Menschen zeugt von Mangel und Vernachlässigung, [...]. (S. 9)

Das bedeutet, ich verurteile einen Menschen  nicht wegen seiner Aggressionen, sondern schaue hin, was diesem Menschen fehlen könnte. Dies gilt umsomehr für Kinder und Jugendliche, die ja erst lernen, mit ihren Emotionen klarzukommen. Wichtig ist dabei, dass sie sie erst mal haben dürfen ohne als "böse" abgestempelt zu werden. Dadurch können sie in der Spiegelung durch den Erwachsenen ihre eigenen Emotionen wahrnehmen und mit ihnen umgehen lernen. Das leuchtet mir jedenfalls ein. 
Das Zitat oben bedeutet jedoch nicht, dass ich mir von einem tobenden Kind alles gefallen lasse!
Dazu ein Beispiel für eine angemessene Reaktion auf aggressives Verhalten des Kindes:
Mir gefällt es nicht, wenn du mich schlägst, und ich will, dass du damit aufhörst! Trotzdem würde ich gerne wissen, womit ich dich so wütend gemacht habe? (S.45)
Hier macht der Erwachsene seine Grenze kenntlich gegenüber dem Kind, nimmt aber zugleich dessen Wut ernst und tritt in einen Dialog ein, der beide sich selbst und einander näher bringt! 

Die eingangs zitierte Stelle heißt auch nicht, dass ich aggressive Übergriffe von erwachsenen Menschen entschuldige mit dem Hinweis auf eine "schlimme Kindheit". Es wird von Jesper Juul klargestellt:
Sind wir unserer Ursprungsfamilie entwachsen, können wir nicht mehr unsere Eltern, die Schule oder die Gesellschaft für das verantwortlich machen, was wir sind. Wir müssen für uns Verantwortung übernehmen und versuchen, heilsame Beziehungen [...] zu etablieren. (S. 67)
Und weiter vorne:
Unsere aggressive Reaktion wird zwar von einer anderen Person oder einer Gruppe von Menschen veranlasst, erzeugt wird sie aber in unserem eigenen Körper und steht daher in unserer eigenen Verantwortung. [...] Zwar können wir unsere Wut erklären und sie dadurch rechtferigen, dass eine andere Person etwas tut oder unterlässt, aber wir können niemanden für unser Wut verantwortlich machen oder für schuldig erklären und dabei ein gutes Leben und konstruktive Beziehungen zu anderen haben. (S. 64)

Demnach wird der Schaden für die Beziehung und für die Weiterentwicklung der betroffenen Personen dadurch angerichtet, dass der Erwachsene  die Verantwortung für seine aggressiven Emotionen von sich weist und jemandem dafür die Schuld zuweist - entweder dem Partner oder den Kindern. 
Folglich ist nicht die Aggression selbst das eigentlich Destruktive, sondern erst die darauffolgende Schuldzuweisung. So nach dem Motto: "Ich muss wütend werden, wenn ihr so böse seid und wenn ich dann beleidige und/oder schlage, ist das eure Schuld,  habt ihr euch das selbst zuzuschreiben!".

Mit ein wenig Genugtuung lese ich die Stellen im Buch, an welchen der "Weichspül-Pädagogik", die sich so gewaltlos wähnt und gebärdet, gehörig die Leviten gelesen werden. 
Endlich fasst jemand meine oft nur diffus gefühlten Vorbehalte in Worte:

Weder Erzieher, Lehrer und Pädagogen noch Eltern haben jedoch jenes Ziel aufgegeben, das mit dem alten Erziehungsparadigma zusammenhängt: ausschließlich liebe, gut angepasste und folgsame Kinder zu haben. Sie wollen dieses Ziel in einer sanfteren Art erreichen. (S. 32)

Die neuromantische Kultur hat es geschaftt, Erwachsenen die Bürde aufzuerlegen, immer lieb, freundlich, verständnisvoll, sanft und zärtlich zu sein - eine menschenunmögliche Aufgabe. (S. 33)
Das schaffen nur Roboter und vielleicht würden sich die Menschen gerne selbst durch Maschinen ersetzen?

Es gibt sehr viele Dinge, die wir nicht erfolgreich tun können, wenn wir keinen vollen Zugang zu unserer Aggression haben und mit ihr nicht umgehen können Eines davon ist, dass wir unsere persönlichen Grenzen nicht so ziehen können, dass andere sie respektieren. (S. 31) 
Und wenn wir das nicht tun können, sind wieder die Kinder schuld, die dem Augenschein nach respektlos sind etc.  

Sie haben sich freiwillig beschnitten und verboten, ihre breite Skala an natürlichen und gesunden menschlichen Emotionen - einschließlich der Aggressivität - auszudrücken und auszuleben. So kommt es, dass sie ihren Kindern reale, menschliche Nähe und Wärme nicht geben können. [...]
Was können Kinder von defensiven, anämischen Erwachsenen lernen? Empathie? Liebe? Leidenschaft? Mitgefühl?  (S. 34)
Um das Trugbild eines immer freundlichen und ausgeglichenen Menschen aufrechtzuerhalten, müssen wir in Wahrheit komplett zu unseren Gefühlen auf Distanz gehen. Wir sind dann nicht mehr in Kontakt mit uns selbst und wie sollen dann andere Menschen in Kontakt mit uns kommen? Wer tauscht sich dann noch mit wem aus? Der eine Schauspieler mit dem anderen. Welchen Sinn sollte das haben? Außer wir resignieren und wollen unseren Kindern nichts als die Schauspielerei beibringen, aus der ja ein erfolgreiches Leben zu bestehen scheint.
Das ist mir bei der Lektüre klargeworden. 


Kann es sein, dass Eltern, Erzieher und Pädagogen in eine andere Existenzsphäre entrückt sind, in der es ausschließlich Liebe git? Nein, keinesfalls. Sie haben bloß eine Art zu reden und sich zu verhalten angenommen, die der Form nach nicht als aggressiv gilt. Die Gewalt der Freundlichkeit und Korrektheit - so könnte man sie nennen. Es ist jene Art getarnter Aggression und verbaler Gewalt, die die Älteren und Eloquenteren auf Kosten der Jüngeren und weniger Eloquenten leichten Herzens und offen austragen - ohne jedes Risiko, denn die wahre Natur dieser Form von Aggression offenbart sich nur über die Erfahrung der Schwächeren. (S. 35) 
Diese Stelle ist mir sehr wichtig, denn sie unterstreicht, dass die Welt keineswegs friedlicher wird, wenn wir Aggressionen einfach verdrängen. Ganz im Gegenteil, die Form der Gewalt wird dadurch lediglich subtiler, schwerer nachweisbar und dadurch für das jeweilige Opfer nur um so fataler.

 

 
In diesem Post habe ich zitiert aus:
Jesper Juul: Aggression. Warum sie für uns und unsere Kinder notwendig ist. Hrsg.: Ingeborg Szöllösi. S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main, 2012.

 

 

 

 






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